Wenn ich heute auf meinen beruflichen Weg blicke, wirkt er wie eine Reise durch völlig unterschiedliche technologische Universen. Gestartet habe ich nicht in der klassischen Informatik, sondern in der Elektrotechnik – mit einem klaren Fokus auf industrieller Kommunikation und später auf Firmware‑Entwicklung im IIoT‑Umfeld. Kleine Geräte, begrenzte Ressourcen, klare Zuständigkeiten und unmittelbare Nähe zur Hardware prägten meinen Arbeitsalltag.
C und C++ waren dabei meine Werkzeuge, und das Arbeiten damit hat meine Art zu denken entscheidend geformt: präzise, effizient und stets mit Bewusstsein für den verfügbaren Speicher. Die Themen meiner Bachelor- und Masterarbeit – Speicherverwaltung, Effizienz und der Umgang mit knappen Ressourcen – waren daher die logische Konsequenz.
Der erste Kontakt mit COBOL – der Blick in eine andere Welt
COBOL tauchte irgendwann eher beiläufig auf – durch Gespräche, durch Projekte, durch die immer wiederkehrende Erkenntnis aus dem Bankenmarkt: Diese Technologie ist nicht einfach „noch da“. Sie wird gebraucht. Täglich. Weltweit.
Und so fand ich mich plötzlich in einer komplett neuen Welt wieder. COBOL wirkte zunächst ungewohnt, fast antiquiert – ähnlich wie C, aber zugleich ganz anders: lesbarer, direkter, erstaunlich robust. Dass GNUCOBOL intern nach C übersetzt, wirkte fast symbolisch.
Doch besonders überraschend war der Perspektivwechsel:
Vom ressourcenarmen Embedded‑Gerät hin zu Mainframes, die scheinbar endlose Kapazitäten besitzen. Hier sind es nicht mehr Bytes, um die man kämpfen muss, sondern Stabilität, Transaktionssicherheit, Datenmengen im Bereich vieler Jahrzehnte. „Zero Downtime“ ist kein Marketingbegriff, sondern gelebte Realität.
Und dennoch fühlte sich diese Welt nicht fremd an. Im Gegenteil: Gerade beim Umgang mit Dateien, Datenbanken oder komplexen Datenstrukturen zeigt COBOL Qualitäten, die man in C so nicht kennt – und schnell zu schätzen lernt.
Alte Technologie mit aktueller Relevanz
Der Gedanke, alte Programmiersprachen seien automatisch überholt, hält sich hartnäckig – und ist doch falsch. Viele geschäftskritische Systeme, vor allem im Finanz‑ und Versicherungssektor, basieren weiterhin auf COBOL.
Man sieht es nicht auf den ersten Blick – aber wenn man hinschaut, findet man es fast überall.
Für mich war der Einstieg in diese Welt deshalb kein Rückschritt in vergangene Zeiten, sondern eine Erweiterung meines Horizonts. Erprobte Technologien treffen auf moderne Anforderungen, gewachsene Systeme auf neue Denkweisen. Genau dort entsteht Innovation.
Parallel dazu spielte Java immer stärker eine Rolle: moderner, vielseitiger, mit einem riesigen Ökosystem und einer breiten Basis in modernen Softwarelandschaften. Der Wechsel zwischen COBOL und Java fühlte sich an wie das Überschreiten zweier Welten – beide unterschiedlich, beide wichtig.
Fachliches und persönliches Wachstum
Heute sehe ich klar: Jede Technologie bringt ihren eigenen Denkstil mit. C und C++ haben mich gelehrt, effizient zu sein. COBOL hat meinen Blick auf stabile, langlebige Systeme geschärft. Java hat mir den Zugang zu einer modernen, vielfältigen Toollandschaft eröffnet.
Viele Prinzipien aus meiner Zeit in der Elektrotechnik begleiten mich bis heute. Das Bewusstsein für Speicher, für Struktur, für effiziente Datenflüsse – all das bleibt relevant, selbst wenn die Systeme über ungleich größere Ressourcen verfügen. Schlechte Architektur macht sich immer bemerkbar – nur manchmal etwas später.
Warum ich diesen Weg jederzeit wieder gehen würde
Der Schritt vom Embedded‑System zum Mainframe war für mich ein echter Perspektivwechsel. Und ein Gewinn – fachlich wie persönlich. Wer aus einer anderen Ecke kommt und plötzlich mit „alten“ Technologien konfrontiert wird, dem kann ich nur eines raten:
Sich darauf einlassen.
Man sollte nicht nur von außen auf das fertig gemalte Haus schauen. Erst wenn man hineingeht, erkennt man, welches Potenzial darin steckt. Und wie ein Haus muss auch Technologie gepflegt, weiterentwickelt und an neue Anforderungen angepasst werden, um relevant zu bleiben.
COBOL wird deshalb nicht verschwinden. Im Gegenteil: Es wird – getragen von altem Wissen und neuen Anforderungen – weiterhin eine wesentliche Rolle spielen. Und vielleicht genau deshalb ist der Blick in diese Welt so spannend.Hier schreiben …